Stadt, Arbeit, Frauen – der Möglichkeitsraum von Elise Schelpien
Als Elise Schelpien 1866 in Kiel geboren wird, ist die Stadt keine ruhige Provinzstadt mehr, aber auch noch keine Großstadt. Kiel wächst nach der Annexion durch Preußen 1865 und der Ernennung zum Reichskriegshafen 1871 rapide. Hafen, Werften, Militär, Handwerk und Handel prägen das Stadtbild. Hafen und Markt bilden das wirtschaftliche Zentrum, von dort aus verzweigen sich Geschäftsstraßen wie die Schuhmacherstraße, in der kleine und größere Handelsunternehmen angesiedelt sind.
In Elises Lebenszeit fallen enorme Umbrüche: Kiel entwickelte sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts in nur wenigen Jahren von einer Kleinstadt zu einer durch kaiserliche Marine und Werftindustrie geprägten Großstadt. Die Bevölkerung wuchs von 16.000 Personen im Jahr 1855 auf 243.248 Einwohnerinnen und Einwohner im Jahr 1918.
Die soziale Struktur Kiels ist zur Zeit von Elises Geburt jedoch noch kleinteilig. Neben Beamten und Kaufleuten prägen Handwerkerfamilien das Stadtbild: Zimmerleute, Schiffszimmerer, Schneider, Schuhmacher. Viele wohnen zur Miete, oft beengt, häufig mit mehreren Kindern. Auch die Familie Schelpien gehört zu diesem Milieu. Bildung, Arbeit und Religion sind eng miteinander verwoben; die Kirche ist nicht nur religiöser, sondern auch sozialer Bezugspunkt.
Schule, Kirche, Mindestbildung
In Preußen besteht bereits seit dem 18. Jahrhundert Schulpflicht; bis 1850 ist sie überall im Reich durchgesetzt. Die Schulpflicht dauert mindestens bis zum 13./14. Lebensjahr. Für Mädchen bedeutet das in der Regel: Elementarschule. Lesen, Schreiben, Rechnen, Katechismus. Keine höhere Bildung, aber funktionale Kompetenzen. Die Konfirmation – Elise wurde 1881 im Alter von 15 Jahren in St. Nikolai konfirmiert – markiert auch den Abschluss dieser Grundbildung.
Diese Bildung ist nicht gering. Sie reicht aus, um als Verkäuferin zu arbeiten, Bücher zu führen, Waren zu kalkulieren, Briefe zu lesen und zu schreiben. Elise bewegt sich damit auf einem Niveau, das für viele Frauen ihrer sozialen Schicht typisch, aber keineswegs selbstverständlich ist – vor allem nicht bei einer Familie mit so vielen Kindern.
Frauenarbeit im städtischen Alltag
Unverheiratete Frauen arbeiten. Das ist Mitte des 18. Jahrhunderts keine Ausnahme, sondern Normalität – besonders in Städten. Sie arbeiten als Dienstmädchen, Näherinnen, Verkäuferinnen, Hebammen, Händlerinnen. Der Textilhandel ist dabei ein klassisches Feld weiblicher Erwerbsarbeit: Wollwaren, Kurzwaren, Stickereien. Kenntnisse über Stoffe, Maße, Preise, Kundschaft zählen mehr als formale Abschlüsse.
[Heiratsurkunde einfügen]
Dass Elise bei ihrer ersten Eheschließung als Verkäuferin bezeichnet wird, ist deshalb kein unwichtiges Detail. Es macht deutlich, dass sie bereits vor der Heirat über berufliche Erfahrung verfügt und dass dies eine relevante Information ist. Ihre Wohnadresse in der Schuhmacherstraße 8 legt nahe, dass Arbeit und Wohnen räumlich eng verbunden sind – ein typisches Muster der Zeit.
Weibliche Vorbilder und Netzwerke
In genau diesem Milieu agiert auch Dorothea Hansen, Witwe und Inhaberin eines bedeutenden Wollwarenhauses am Alten Markt. Frauen wie sie sind keine Ausnahmeerscheinungen, sondern Teil eines rechtlich und wirtschaftlich akzeptierten Modells: die Witwe als Geschäftsinhaberin. Sie verwalten, führen, erweitern Betriebe – oft über Jahre.
Dass Elise später selbst als Inhaberin auftritt, fällt nicht vom Himmel. Sie bewegt sich in einem Umfeld, in dem weibliche wirtschaftliche Autorität sichtbar ist. Ob Dorothea Hansen für Elise Vorbild, Arbeitgeberin, Mentorin oder einfach eine bekannte Figur war, lässt sich nicht belegen – aber ihre bloße Präsenz strukturiert den Möglichkeitsraum, in dem Elise handelt.
Ein Zwischenfazit
Elise wächst nicht „arm“, aber ökonomisch angespannt auf. Sie ist Teil einer kinderreichen Handwerkerfamilie, erhält eine solide Grundbildung, arbeitet vor der Ehe, lebt im Zentrum einer wachsenden Handelsstadt und kennt – direkt oder indirekt – Frauen, die wirtschaftliche Verantwortung tragen. Das erklärt nicht alles, aber es erklärt viel: warum Elise berufstätig ist, warum sie relativ spät heiratet, warum sie ein Geschäft übernehmen kann – und warum sie dabei nicht als Ausnahmefigur erscheint.
Links zum Weiterlesen:
- Zeitleiste zur Schulpflicht in Preußen: Bundeszentrale für politische Bildung, bpb.de
- Kieler Geschichte im 19. Jahrhundert bei der Kieler Stadtgeschichte
- Prof. Dr. Sylvia Schraut (2024): Mädchen- und Frauenbildung, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv
Zuletzt besucht am: 11.01.2026