Die Firma Wilhelm Witte 

Ein Rückblick auf drei Generationen, die die Geschicke des Herrenausstatters Witte in Kiel lenkten, 1888 bis 2023

Der Rückblick auf drei Generationen, die die Geschicke der Kieler Firma Witte lenkten, erhebt keinen Anspruch auf Voll­ständigkeit. Er stellt Dokumente zusammen, die mir vorlagen, und gewährt auch Ein­blicke in die Familiengeschichte, soweit diese für die Entwicklung der Firma von Belang schienen.

Natürlich erschöpfte sich das Leben der Geschäftsinhaber nicht in der Hingabe an die Belange der Firma. So war Friedrich Wilhelm Witte auch Stadtrat, Hobbygärtner und pas­sionierter Segler, sein Sohn Erich Wilhelm Witte passionierter Jäger, Tätigkeiten, an die ebenfalls erin­nert wird und die das Bild ergänzen, das wir uns von ihnen machen. Zu kurz kommt dabei das Familienleben. Um so wichtiger schien mir ein Brief, den Friedrich Wilhelm Witte 1939 seinem „Kleeblatt“ schickte (gemeint sind sein Sohn, seine Schwiegertochter und der ge­rade ein­mal einjährige Enkel). 

Frank Witte  

Ansichtskarte um 1930, der Schlossgarten in Kiel. Das Bild zeigt das vibrierende Geschäftsleben in der beliebten Einkaufsstraße. Ganz links befindet das Wohn- und Geschäftshaus von Wilhelm Witte Herrenausstatter, zu erkennen an der modernen Reklame und der beschrifteten Markise

Hackenstedt: Die Wurzeln

Ein Dorf in Niedersachsen

Wahrzeichen des kleinen Ortes Hackenstedt in der Nähe von Hildesheim ist die Zehntscheune. Sie erinnert an die Forderungen des Derneberger Klosters, das sich zwischen 1229 und 1481 den Hauptteil der Hackenstedter Güter einverleibte. Die Zehntscheune schmückt heute das Hackenstedter Wappen. 

Mehr über Hackenstedt bei Wikipedia

Bild: Wappen Hackenstedt Gemeinde Holle.png. (2015, January 19). Wikimedia Commons. heruntergeladen 31.12.2025

Elisabeth Henriette

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts kann man sich das kleine Dorf noch viel beschaulicher vorstellen. In einem Gehöft im Dorf Elisabeth Möglein. Sie gebar 1833 eine Tochter, Elisabeth Henriette. Vater des Mädchens war der Häusling Heinrich Witte 

Friedrich Wilhelm Witte

Von Elisabeth Henriette sind die Lebensdaten überliefert. Sie brachte vier Kinder zur Welt, unter ihnen Friedrich Wilhelm Witte, den späteren Begründer der Kieler Firma Witte. Es ist anzunehmen, dass der Junge in Hackenstedt aufwuchs. Aus dem dörflichen Umfeld trat er wohl erst heraus, als er zum Militärdienst nach Helmstedt kam. Dort lernte er Kameraden kennen, deren Bekanntschaft seinen Horizont deutlich erweiterte, unter ihnen Wilhelm Förster, dessen Sohn Ernst nach dem Ersten Weltkrieg Elisabeth (Lissi) Witte heiraten würde.

Wilhelm Witte, Herrenausstatter Kiel: Die Firma

Gründung in der Schuhmacherstraße

1988 feierte die Firma Witte im Kieler Schloss ihr einhundertjähriges Bestehen. Im ausgehenden 19. Jahrhundert befand sich ihr Geschäft in der Schuhmacherstraße 8, die Adresse der Familie in der Schuhmacherstraße 29. In den Kieler Adressbüchern erscheint in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts Fr. W. Witte als Nachfolger der Firma Gustav Hansen, als Mitinhaberin wird dessen Witwe unter ihrem Geburtsnamen Schelpien aufgeführt.

Einheirat in Fa Hansen

Friedrich Wilhelm Witte heiratete Elise Schelpien im Jahre 1895. Das „Wollwarengeschäft en gros +en detail“ war seit 1845 in Kiel „etablirt“, wie es in einer Anzeige von J. (Jens)Hansen aus dem Jahr 1878 heißt, und war u.a. in der Schuhmacherstraße 4 und am Markt 16 vertreten.

Eine Filiale wurde in der Schuhmacherstraße 8 eröffnet, wo die Geschichte der Firma Witte ihren Anfang nahm, bevor Anfang des 20. Jahrhunderts ein Umzug in den Schlossgarten stattfand.

Der Beginn in der Schuhmacherstraße

Die Firma Gustav Hansen inserierte in Zeitungen und im Kieler Adressbuch seine Waren „in grösster alles Gute und Beste der Branche umfassender Auswahl“ – von „Normal-Unterzeugen“ bis zu Tapisserie-Wollen.

Vor dem Umzug Ausverkauf

Der Umzug in den neuen Firmensitz im Schlossgarten steht bevor. Wollwesten, „echte Isländer-Jacken“, Plaids und Sporthemden: Das Spezial Wollwaren- u. Trikotagen-Geschäft Wilh. Witte, Gustav Hansens Nachfg. inseriert „Halt!! Ausverkauf!“

Der Umzug

Nachdem alle im alten Geschäft verbliebenen Reste älterer Waren verkauft sind, befindet sich die „Woll- u. Wäschefabrik, Strumpf- u. Anstrickerei“ nun nur noch im Schlossgarten 4. Wilhelm Witte lädt zum Besuch „ohne jeden Kaufzwang“ ein.

Das Geschäft nach der Jahrhundertwende

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zog die Firma an den Schlossgarten 4. Von 1904 bis 1944 wurde das ihr Firmensitz.

Bild: Wohn- und Geschäftshäuser am Schlossgarten, Blickrichtung Hegewischstraße. Im Vordergrund links Holst’s Hotel am Schlossgarten, ca. in der Bildmitte ist das Geschäft mit der Firmenreklame „Witte“ zu sehen. Datierung: 1938, Stadtarchiv Kiel 55.015/Fotograf: Unbekannt (CC-BY-SA 3.0 DE), http://fotoarchiv-stadtarchiv.kiel.de

 

Die Katastrophe des zweiten Weltkriegs

Friedrich Wilhelm Witte verstarb 1940. Es blieb ihm erspart, Zeuge zu werden von der Zerstörung seines Wohnhauses und Geschäfts: Das Haus Schlossgarten 4 wurde, wie der gesamte Straßenzug bei einem Bombenangriff am 21. Mai 1944 vollständig zerstört.

Bild: Der zerstörte Schlossgarten nach dem Luftangriff auf Kiel am 22.05.1944 |  Stadtarchiv Kiel 51.160/Fotograf: Unbekannt (CC-BY-SA 3.0 DE), http://fotoarchiv-stadtarchiv.kiel.de

Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs brachte Erich Wilhelm Witte seine Familie zunächst nach Bönebüttel bei Neumünster, wo sie bei Familie Kruse Unterschlupf fand. Bereits 1942 zog sie in die Gemeinde Tröndel nach Hohenhoop.

Die Abbildung zeigt eine Abreisebescheinigung für die behördlich angeordnete Umquartierung der Familie nach Tröndel. 

Nach der Zerstörung des Hauses am Schlossgarten bewohnte Erich Wilhelm Witte ein Zimmer in der Elisabethstraße 113, das Frau Jäschke, eine Mitarbeiterin der Firma Witte, ihm zur Verfügung stellte. Die Familie aber blieb auf Hohenhoop.

1950 stand der nächste Umzug an:
Die Firma wurde in der Holstenstraße 108 ansässig, wo unter Führung zunächst von Erich Witte, dann von Bernd Witte und heute von Jens Witte, Urenkel des Friedrich Wilhelm Witte, der Hauptsitz liegt.

Die Familie zog an den Alten Markt in Kiel. Der Alte Markt 10 blieb die Adresse von Irene Witte bis zu ihrem Tod im Jahre 1992.

Bild: Herrenausstatter Wilhelm Witte an der Holstenstraße 108, Datierung: 11.1966. Stadtarchiv Kiel 40.608/Fotograf: Friedrich Magnussen (CC-BY-SA 3.0 DE)

Familie: Portraits und Passionen

Friedrich Wilhelm Witte: Ein Brief

Der Brief vom 4. Juli 1939

Friedrich Wilhelm Witte weilte Ende Juni/Anfang Juli 1939 zur Kur in Bad Tölz. Von dort schrieb er einen Brief – den einzigen in seiner Handschrift erhaltenen – nach Hause. Die Adressaten: „Mein liebes Kleeblatt, liebes Reni-Töchterlein“. Mit dem Kleeblatt waren sein Sohn Erich Wilhelm Witte, seine Schwiegertochter Irene Witte, genannt Reni, und sein einjähriger Enkel gemeint. Der Anlass: Renis 30.Geburtstag, den er schlichtweg vergessen hatte: den 29. Juni. Im Brief heißt es: „Opa ist alt, sei ihm bitte nicht böse! Er hat Dich trotzdem herzlich lieb u. wünscht Euch 3 Lieben alles Glück u. viel, viel Freude u. Gesundheit fürs ganze Leben.“

Es dürfte der letzte handschriftliche Brief an das Kleeblatt gewesen sein. Wenige Monate später, am 11.03.1940, verstarb Friedrich Wilhelm Witte.

Erich Wilhelm Hans Witte

Rekrut im 1. Weltkrieg

Die Zeichnung zeigt Erich Wilhelm Witte 1918 als Rekrut, der sich einem Freikorps anschloss, das im Baltikum gegen die Bolschewiken kämpfte. Während der Kämpfe wurde er schwer verwundet und nach längerem Lazarett-Aufenthalt kehrte er heim und trat 1920 in die Firma Witte ein.
Zeichnung von K. Legenhausen

Nachruf

Mit einem Nachruf würdigten die Kieler Nachrichten im Jahr 1973 das Lebenswerk von Erich Witte, darunter sein Engagement als Vorstandsmitglied des schleswig-holsteinisches Einzelhandelsverbandes und Vorsitzenden des Kreisverbands Kiel des Deutschen Roten Kreuzes.

Bernd Wilhelm Witte

Bernd Wilhelm Witte

im Geschäft in der Holstenstraße, 2020

Abiturient mit festem Berufsziel (Teil 1 von 2)

Der Weser-Kurier portraitierte am 21. November 2062 Bernd Witte, der eine Ausbildung in der Herrenabteilung eines Bremer Kaufhauses absolvierte. Der ehemalige Spitzenschüler ging damit seiner großen Leidenschaft, dem Einzelhandel, nach und machte Eindruck, schrieb der Weser-Kurier: „Alle, die ihn kennen, glauben, daß er seinen Weg machen wird.“

Abiturient mit festem Berufsziel (Teil 2 von 2)

Jens Witte

Firma Witte in vierter Generation

Jens Witte, Firmeninhaber, Bild: Christiane Untiedt

Personenverzeichnis

Die vorangegangenen Generationen

Heinrich Witte * ? †
Vater von Elisabeth Henriette Witte

Elisabeth Möglein …* ? …†
Mutter von Elisabeth Henriette Witte

Elisabeth Henriette Witte * 26.03.1833 † 05.01.1915
Mutter von Friedrich Wilhelm Witte

Heinrich Baule* ? † ca. 1900
Leiblicher Vater von Friedrich Wilhelm Witte

Die Gründergeneration

Friedrich Wilhelm Witte * 05.06.1864 † 11.03.1940
Vater von Erich und Elisabeth Witte

Elise Witte, verwitwete Hansen, geborene Schelpien * 12.11.1866   † 24.03.1909, Mutter von Erich und Elisabeth Witte 

Johanna Witte, geborene Höft,
* 01.06.1876 in Ottendorf † 17.09.1944 in Kronshagen, Ehefrau von Friedrich Wilhelm Witte in zweiter Ehe 

Die zweite Generation

Erich Wilhelm Hans Witte * 26.07.1900 † 04.09.1973
Vater von Frank und Bernd Witte 

Irene Witte, geborene Müller, * 29.06.1909 † 20.07.1992
Mutter von Frank und Bernd Witte 

Elisabeth Förster, geborene Witte * 13.04.1902   † 15.11.1992
Mutter von Erika, Elsbe und Uta Förster 

Ernst Förster
Vater von Erika, Elsbe und Uta Förster

Die dritte Generation

Frank Friedrich Wilhelm Witte * 01.03.1938
Vater von Agnes, Maren , Dagmar und Kai Erik

Gisela Witte, geborene Roos * 09.05.1940
Mutter von Agnes, Maren, Dagmar und Kai Erik 

Bernd Wilhelm Witte * 03.05.1941 † 28.04.2023
Vater von Jens und Ines Witte 

Ursel Witte, geborene Bischoff * 17.05.1940
Mutter von Jens und Ines Witte 

Die vierte Generation

Jens Witte* 17.07.1964 
Vater von Julie, Karl, Smilla und Theo

Anna Witte, geborene Ansorge * 03.03.1969
Mutter von Julie, Karl, Smilla und Theo 

Ein Fazit

Eines ist deutlich geworden: Die Gliederung der Firmengeschichte nach Generationen ist nur bedingt sinnvoll. Denn die Nachfolge ist stets eng verzahnt mit der Vorgängerin. So tritt Erich Wilhelm Witte bereits 1920 in die Firma ein, 20 Jahre bevor er sie selbst übernahm, und sein Sohn Bernd Wilhelm Witte neun Jahre, bevor sein Vater starb. Da war Kooperation zwischen den Generationen gefragt. Und auch die vierte Generation, die heute die Firma Witte führt, ist zu Leb­zeiten ihrer Vorgängerin längst in ihre Rolle hineingewachsen.

Jens Witte, der Sohn von Ursel und Bernd Wilhelm Witte, schreibt die Geschichte fort. Die Firma Witte behauptet sich in Kiel seit nunmehr 137 Jahren.

Dass es bei aller Kontinuität in der Geschäftsführung auch schwere Zeiten gab, soll nicht verschwiegen werden. Die vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts erschütterten die Firma am Schlossgarten in ihren Grundfesten. 1940 verstarb der Firmengründer. Die kontroverse Ausle­gung seines Testaments durch seine Erben Erich und Elisabeth hatte nicht nur den Bruch der Geschwister, sondern auch eine dauerhafte fi­nanzielle Belastung der Firma zur Folge.

Nach der Zerstörung des Hauses am Schlossgarten am 21. Mai 1944 schien eine Fortführung der Firma zunächst ungewiss. Erst 1949 ge­lang es Erich Wilhelm Witte, im Hause der Landwirtschaftskammer des Landes Schleswig-Holstein, Holstenstraße 108, eine neue Bleibe zu finden. Dort ist die Firma bis heute ansässig.

Danksagung

Mein Dank gilt allen, die mich bei dem Projekt „Rückblick“ unterstützt haben, insbesondere aber

Konstanze Gerhard, Uta Grohs geb. Förster, Carsten Melchert, Katja Persson, Christiane und Klaus Untiedt, Agnes Witte, Jens Witte, Ursel Witte

Tröndel, Weihnachten 2025

Frank Witte