Die Frauen in der Firmengeschichte
Mit seinem Projekt „Witte-Chronik“ zeichnet mein Vater Frank Witte seine persönlichen Schwerpunkte der Firmengeschichte ab: Von dem Zeitpunkt, als sein Großvater Wilhelm Witte, mein Urgroßvater, die Witwe des Kaufmannsbetriebs Hansen heiratete über drei weitere Generationen von Franks Vater Erich auf seinen Sohn Bernd, Franks Bruder, bis zu der heutigen Generation, Franks Neffen, meinem Cousin Jens Witte.
Ich habe für dieses Projekt im Hintergrund recherchiert. Immer wieder bin ich auf Frauen gestoßen, die das Unternehmen maßgeblich geprägt haben: Die Witwe des Firmengründers Hansen und eine Generation später die Witwe des Unternehmers Westers, meine Urgroßmutter Elise, die den nach Kiel zugezogenen Wilhelm Witte heiratete und die Firma Hansen in die Ehe mitbrachte. Erichs Schwester Elisabeth „Lissi“, die Schauspielerin, über die unsere Familie viele Jahrzehnte überhaupt nichts wusste. Irene Witte, Erichs Ehefrau und die Schwiegertochter von Wilhelm und Elise, die selbst auch Unternehmerin war. Frau Jäschke, die sehr enge Vertraute meines Großvaters Erich, die die Firma und ihn über Jahrzehnte begleitete. Ursel Witte, die meinen Onkel Bernd Witte über Jahrzehnte im Geschäft unterstützte und ihm darüber hinaus den Rücken freihielt. Anna Witte, die das Geschäft gemeinsam mit meinem Cousin Jens führt und maßgeblich an dem Erfolg von „Witte 2“ beteiligt ist. Und viele andere Frauen, die die Firmengeschichte mit geprägt haben.
Das Projekt meines Vaters inspiriert mich, der Geschichte dieser Frauen nachzugehen.
Agnes Witte
Elise Magdalena Auguste Schelpien
(1866–1909)
Elise Magdalena Auguste Schelpien wird 1866 in Kiel geboren und in der Gemeinde St. Nikolai getauft. Sie wächst im innerstädtischen Kiel auf, in einem Umfeld, das geprägt ist von Handwerk, Handel und Hafenwirtschaft. Ihre Eltern sind Heinrich Schelpien, (Schiffs-)Zimmermann, und Magdalena Dorothea Staack. Beide stammen aus Kieler Familien. Heinrich und Magdalena heiraten 1862 ebenfalls in St. Nikolai. Elise ist eines von mindestens fünf Kindern.
Elise wird 1881 in St. Nikolai konfirmiert. Damit verfügt sie über grundlegende Lese- und Schreibkenntnisse; ihre spätere Berufstätigkeit zeigt zudem sichere Rechenfertigkeiten. Hinweise auf eine höhere Schulbildung gibt es nicht, doch ihre Ausbildung entspricht dem, was für eine junge Frau ihrer sozialen Schicht im städtischen Kontext erreichbar und erforderlich ist.
In den späten 1880er Jahren ist Elise unverheiratet und erwerbstätig. In der Heiratsurkunde ihrer ersten Ehe wird sie ausdrücklich als Verkäuferin bezeichnet. Ihre Wohnadresse liegt in der Schuhmacherstraße, einem zentralen Handels- und Geschäftsviertel Kiels. Dort – ebenso wie am nahen Alten Markt – befinden sich seit Jahrzehnten bedeutende Wollwaren- und Textilhandlungen.
1891 heiratet Elise einen Mann namens Wester. Diese Ehe dauert offenbar nur kurze Zeit; Wester stirbt vermutlich bereits innerhalb des ersten Ehejahres. Entscheidend ist die Folge dieser Ehe: Elise tritt in den frühen 1890er Jahren als Inhaberin einer Wollwarenhandlung in Erscheinung. Sie wird damit Teil eines kaufmännischen Milieus, in dem weibliche Geschäftsinhaberschaft – insbesondere in Witwensituationen – nicht ungewöhnlich ist.
In unmittelbarer räumlicher und zeitlicher Nähe agiert Dorothea Hansen, Witwe und Inhaberin eines großen Wollwarenhauses am Alten Markt. Angesichts der Überschneidungen von Wohnorten, Geschäftsadressen und Branchen ist davon auszugehen, dass Elise diese Frau kannte – sei es als Arbeitgeberin, Geschäftspartnerin oder Vorbild. Elise bewegt sich damit früh in einem weiblich geprägten Handelsumfeld, das wirtschaftliche Verantwortung jenseits männlicher Vormundschaft ermöglicht.
1894 heiratet Elise Wilhelm Witte. Sie bringt das Geschäft in diese Ehe ein; auch in späteren Jahren wird ausdrücklich auf die Nachfolge des Hauses Hansen Bezug genommen. Elise ist damit Trägerin der geschäftlichen Kontinuität. Ihre Rolle erschöpft sich nicht im Übergang von Besitz, sondern liegt im Erhalt, der Weitergabe und der Stabilisierung eines Unternehmens.
Elises Lebensweg zeigt eine Frau, die aus einfachen, aber stabilen Verhältnissen stammt und die Spielräume ihrer Zeit nutzt. Sie ist keine Ausnahmefigur, sondern Teil einer heute oft übersehenen Realität: wirtschaftlich handelnde Frauen, deren Biografien sich zwischen Familie, Arbeit und Eigentum bewegen – und die die städtische Wirtschaft des 19. Jahrhunderts aktiv mittragen.